Über den Autor
1964 in Brügge geboren, Studium der Sprachen Niederländisch und Deutsch und der Geschichte in Brüssel, 1983 autobiografisches Romandebüt "Duet met valse noten" ("Duett mit falschen Noten"), 1995 wird Berufsschriftsteller, dritter Roman "Blote handen" ("Bloße Hände"); mehrere Theaterstücke und Szenarios, Übersetzungen aus dem Deutschen, Englischen und Französischen; 2004 dritte Nominierung für den internationalen Hans Christian Andersen Award
2006 lebt und arbeitet in Antwerpen.
Brüder
Der Älteste, der Stillste, der Echteste, der Fernste, der Liebste, der Schnellste und ich
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Sieben Brüder graben gefährliche Höhlen, spielen mit Feuer und probieren, ob unter die Achseln geklemmte rohe Zwiebeln wirklich so krank machen, dass man am nächsten Tag nicht in die Schule muss. Manchmal darf Bart, der Kleinste, nicht mitmachen, dann ist er sauer. Aber meistens sind die Brüder wie Freunde. Wahre Geschichten für Bullerbü-Fans!
Pressestimmen:
"Liebevolle unaufgeregte Geschichte – man braucht nicht notwendig einen Roman, um von der Welt zu erzählen." Konrad Heidkamp, DIE ZEIT, 03.08.06
Leseprobe:
Wenn wir nur gesund sind Es hing davon ab, welche Zwiebeln es waren. Silberzwiebeln waren zu klein, Schalotten bewirkten nichts und über rote Zwiebeln war nichts bekannt. Es mussten Bauernzwiebeln sein, solche großen, wie unsere Mutter sie in den Eintopf oder die Suppe tat. Wir schälten sie, bis sie ganz weiß und glatt waren, und bevor wir sie unter die Achseln steckten, stachen wir noch ein paar Löcher hinein, für ein schnelleres Ergebnis.
»Löcher?«, sagte mein einer Bruder.
»Für die Luft«, sagte ein anderer.
»Für die Feuchtigkeit«, sagte noch einer.
»Für ein schnelleres Ergebnis«, sagte ich.
Einen Moment wurde es still, und meine Brüder schauten auf meinen Mund, ob vielleicht noch etwas Dummes herauskam. Sie gaben mir zu erkennen, dass dreisilbige Wörter aus meinem Mund seltsam klangen. Sie verdrehten die Augen, klemmten ihre Oberarme an den Körper und zogen steif die Schultern hoch.
»So ist es doch, oder?«, sagte ich vorsichtig. »Die Löcher stechen wir doch für ein schnelleres Ergebnis hinein? Mit Löchern kommen die Luft und die Feuchtigkeit schneller frei.«
»Hört«, sagte mein einer Bruder, ohne mich anzuschauen. »Es spricht. Es weiß alles über Löcher in Zwiebeln, und es spricht.«
Mein anderer Bruder fand, dass ich das Loch in meinem Gesicht besser geschlossen halten sollte.
»Wir haben um keinen Kommentar gebeten«, sagte er. »Du brauchst nicht krank zu werden. Wir schon. Wir müssen krank werden, für unser Wohlbefinden.«
»Eigentlich für unsere Gesundheit«, sagte mein anderer Bruder.
»Pfff«, machte ich. Mehr bekam ich vor lauter zurückgehaltener Wut nicht heraus. Ich hatte gehört, wie sie das Wort wir unterstrichen und wichtiger gemacht hatten als den Rest der Welt. Ich atmete tief ein und aus und versuchte, an etwas anderes zu denken, jemand anderer zu werden, denn meine Wut brach fast aus mir heraus. Ich versuchte zu wachsen, über meine Brüder hinaus. Ich wollte sie von oben herab betrachten und lächerlich finden. Schau an. Schau an: Morgen müssen sie in der Schule alles tun, was sie nicht tun wollen, deshalb sitzen sie jetzt mit Zwiebeln unter den Achseln da und warten auf Fieber.
Meine Gedanken halfen. Meine Brüder sahen prachtvoll aus. Alle sechs versuchten sie, sich so wenig wie möglich zu bewegen. Ab und zu ließen sie die Hände zur Nase schweben und fühlten mit einem vorsichtigen Finger, ob ihnen die Nase noch nicht lief, denn neben den Zwiebeln benutzten sie die Methode des nassen Handtuchs. Von einem nassen Handtuch im Nacken fängt einem die Nase an zu laufen. Zugleich hatten sie sich Karton in die Schuhe gestopft, denn wenn man das tat, konnte die Übelkeit nicht lange ausbleiben. Innerhalb kürzester Zeit bekam man Austrocknungserscheinungen. Das Handtuch ließ die Nase laufen, und der Karton zog die Feuchtigkeit aus dem Körper, und darüber hinaus bekam man noch Fieber von den Zwiebeln. Sogar der beste Doktor, hieß es, würde nicht verstehen, um welche Krankheit es sich handelte.
Ich hob die Arme hoch, so dass meine Zwiebeln auf den Boden fielen, warf das nasse Handtuch ab und beugte mich vor, um meine Schuhe aufzumachen.
»Was tust du da?«, fragten meine Brüder.
»Nichts«, sagte ich. »Legt ihr euch ruhig zu sechst ins Bett. Mir reicht’s. Ich brauche morgen nicht zu tun, was ihr tun müsst, also brauche ich auch keine Zwiebeln und kein Handtuch und auch keinen Karton in den Schuhen, auch wenn mir schon ein bisschen übel wird.«
Meine Brüder schauten mich an, dann einer den anderen, schließlich wieder mich und befühlten mit den Fingerspitzen ihre Wangen.
»Echt übel?«, fragten meine Brüder.
Vielleicht war mir nur ein bisschen übel von meinen Brüdern und vor Wut, oder vielleicht war es einfach Zufall, oder wer weiß, vielleicht führten die Löcher in den Zwiebeln wirklich zu einem schnelleren Ergebnis.
»Ja«, sagte ich und zog den Karton, der sich ein bisschen feucht anfühlte, erst aus dem einen Schuh, dann aus dem anderen. »Spürt ihr noch nichts?«
Meine Brüder schauten gleichzeitig auf ihre Füße. Da war nichts zu sehen. Ich sah, wie sie die Zehen in den Schuhspitzen bewegten, ich sah, wie sie sanft den Oberkörper
bewegten, um zu fühlen, ob schon irgendwo ein Tropfen Schweiß herunterlief, ich sah, dass sie nach ihren Ohren tasteten, ob dahinter schon Fieber begann.
»Ihr seid älter«, sagte ich. »Und größer. Deshalb müsst ihr länger auf ein Ergebnis warten.«
An der Tür drehte ich mich um. Der größte Teil meiner Wut war verraucht. Ich hatte sogar Mitleid mit meinen Brüdern.
»Viel Erfolg«, sagte ich.
Aber es nützte nichts.
An jenem Nachmittag nahm mich mein Vater an die Hand und rief hinauf, ob noch jemand Lust hätte, mit zum Supermarkt zu gehen, wo wir immer etwas Leckeres bekamen. Um vier Uhr rief unsere Mutter hinauf, ob jemand Lust habe auf Pfannkuchen mit braunem Zucker und Äpfeln. Und um es noch gemütlicher zu machen, kam Besuch, jemand hatte ein schnelles Auto gekauft und wollte eine Spritztour mit uns machen.
Meine Brüder verpassten alles Angenehme dieses Tages. Gegen Abend hörte ich über meinem Kopf zwölf Zwiebeln fallen, gerade als die Frau des Besuchers sagte, dass schnell und teuer nicht wichtig seien im Leben. »Wenn wir nur gesund sind«, sagte sie und nickte meinen Brüdern zu, die einer nach dem anderen hereinkamen. Sie sahen zwar müde aus, sonst aber gesund.
(Quelle: Website Hanser Verlag)




