Über die Autorin/Sprecherin
Charlotte von Mahlsdorf wurde im März 1928 in Berlin-Mahlsdorf geboren. Damals hieß sie noch Lothar Berfelde. Der zarte Knabe hatte sehr unter seinem gewalttätigen Vater zu leiden, der einen Soldaten aus ihm machen wollte. Zuflucht und Geborgenheit fand er bei seinem Großonkel Josef Brauner. Was ihn hier umgab, sollte eine Liebe für das ganze Leben werden: die Wohnkultur der Gründerzeit. Berühmt wurde Charlotte von Mahlsdorf durch ihr in mühsamer, private Initiative aufgebautes Gründerzeitmuseum in Berlin. Charlotte von Mahlsdorf ist am 30. April im Alter von 74 Jahren bei einem Besuch in Berlin an Herzversagen gestorben. Sie wurde in Berlin-Mahlsdorf beigesetzt. Erst danach wurde ihr Tod offiziell bekannt gegeben.
Charlotte von Mahlsdorf, 1928 als Lothar Berfelde in dem Berliner Vorort Mahlsdorf geboren, ist eine faszinierende Persönlichkeit, eine couragierte Außenseiterin und Zeitzeugin, wie man nur noch wenige trifft. Unter einem tyrannischen Vater, der den mädchenhaften Knaben zu einem "echten" Soldaten machen wollte, wächst sie im Deutschland der Nazis auf. Auch die SED-Bürokratie, die ihr das private Gründerzeit-Museum wegnehmen wollte und sie zur "unerwünschten Person" machte, übersteht Charlotte in Faltenrock und Kittelschürze. Wie man als schwuler Transvestit, eine Minderheit innerhalb einer Minderheit, diese Zeiten in Deutschland überlebt und - vor allem - lebt, davon erzählt sie in ihrer ungewöhnlichen Biographie "Ich bin meine eigene Frau".
(Quelle Website Antje Kunstmann)
Noch zwei Tage vor ihrem Tod konnte Charlotte von Mahlsdorf, mit bürgerlichen Namen Lothar Berfelde, ihre Autobiografie in einem Berliner Tonstudio einsprechen, berichtet Eva Behrendt, die sich "völlig unerwartet" von diesem akustischen Dokument in Bann gezogen sieht. Das liegt vor allem an Mahlsdorf Stimme, der man alte preußischen Tugenden wie aufrechtes Sitzen und deutliche Artikulation unverkennbar anmerke. Da würden keine Endsilben vernuschelt oder Satzzeichen unterschlagen, behauptet Behrendt und merkt an, dass vielleicht alles "einen Hauch" zu ernst oder zu steif sei. Wie bei einer Märchentante, meint sie, vermeintlich ein bisschen "einfältig". Dieser Duktus steht in deutlichem Kontrast zur bewegenden Autobiografie von Mahlsdorfs, die den eigenen gewalttätigen Vater erschlägt, in Haft und 45 wieder frei kommt, ein Transvestitendasein in der spießigen DDR führt und dort ihr Lebensprojekt, ein Gründerzeitmuseum, in Angriff nimmt. Von Mahlsdorf Stimme lässt ahnen, meint Behrendt, dass ihr Spleen manchmal nahe am Wahnsinn stand, wenn sie ihre irrwitzigen Rettungsaktionen gründerzeitlicher Möbel im Bombenhagel beschreibe. Von Mahlsdorf ging es dabei nie um persönlichen Besitz, merkt Behrendt an, sondern stets um den Erhalt für die Nachwelt - mit diesem Tondokument ist ihr dies nach Behrendt, was ihr eigenes Leben angeht, eindrucksvoll gelungen.
Die Tageszeitung, 26.11.2002




