Ausnahmsweise: Ein kreatives Malbuch erster Güte!
Erstens ist das Papier gut gewählt: 115 g/qm Munkenprint White 1,8-fach. Zweitens ist das nicht ironisch gemeint, denn – drittens und allem voran geht es um ein Malbuch, und da ergibt eine porös offene Papieroberfläche einen guten Abrieb für Buntstifte, und die Wasserfarben zerfließen auch nicht völlig.
Soll man Malbücher überhaupt rezensieren? In diesem Fall ja! Denn wer im Kaufhaus gelegentlich Malhefte kauft, ahnt kaum, dass es auch ganze Bücher gibt. Und wer im Buchhandel »etwas für Kinder« sucht, neigt zu Panik vor Kindern, die Bücher ausmalen. Zudem gehören Malbücher in die Kategorie biografisch arg belasteter Objekte. Fast niemand reagiert gelassen. Man fand sie toll, oder man hasst sie noch heute. Auch Studierende der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg erinnerten sich (angeleitet durch ihren Dozenten Bernd Mölck-Tassel) an eigene Malbucherfahrungen und überlegten, was kreativer und damit pädagogisch nachhaltiger wäre als fertige Szenen zum Ausmalen. Gezeichnet haben sie danach Elemente, die zum Ergänzen auffordern. Wir sehen Zuschauer von hinten – aber die Leinwand ist leer. Ein Sumoringer sitzt am ungedeckten Tisch; was wird er essen? Man kann zum Stau weitere Autos hinzu malen, einem gefräßigen Monsterkrokodil den Magen füllen oder eine Dorfkulisse als Tages- oder Nachtansicht ausgestalten.
Das Prinzip »Anregung statt Vorgabe« ist nicht neu, aber die versammelten Impulse bieten eine einmalige Fülle. Und den Studierenden hat das Projekt sichtlich Spaß gemacht, sonst wäre diese Ideenvielfalt kaum zustande gekommen. Dass sie dabei teils nahe an Stilen zeichneten, die in Galerien und Kunsteditionen zu finden sind, mag wieder jene erstaunen, die Malbücher verachten. Nicht nur auf artifiziell naive Krakelstile sei hier verwiesen, sondern etwa auf die linearen‚ urban recordings von Ingo Giezendanner (www.grrrr.net) oder die explizit Malbuch genannten Zeichnungen moderner Kriegsgeräte von Katharina Arndt (www.bildschoene-buecher.de). Aber betonen wir den kunstkritischen Aspekt nicht zu sehr, sonst glaubt wieder keiner, dass das richtige Papier und die schlau gezeichneten »Stichworte« wirklich einen kreativen Kick erster Güte darstellen.
Hans ten Doornkaat © DIE ZEIT, 13.03.2008 Nr. 12





