Titel: | Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich |
Autorin: | David Foster Wallace |
Sprecherin: | Dietmar Bär |
Umfang/Dauer: | 4 CD, 275 Min. |
Verlag: | marebuchverlag |
Über den Autor
David Foster Wallace, geboren 1962, lebt in Bloomington, Indiana. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. sein Opus magnum »Infinite Jest«, dessen Übersetzung, eines der größten Übersetzungsprojekte in der Verlagsgeschichte, voraussichtlich 2008 erscheint. Sein Essay »Schrecklich amüsant …« verkaufte sich über 100.000 Mal.
Über den Sprecher
Dietmar Bär wird am 5. Februar 1961 in Dortmund geboren. Bereits in jungen Jahren verdient sich Dietmar Bär sein Taschengeld als Statist beim Dortmunder Theater. Nach dem Abitur absolviert er seine Schauspielausbildung von 1982 bis 1985 an der Westfälischen Schauspielschule Bochum. In den letzten beiden Jahren seiner Ausbildung ist er in kleineren Rollen am Bochumer Schauspielhaus zu sehen und ab 1985 folgt ein Engagement ans Landestheater Tübingen. Von 1988 bis 1990 sowie von 1992 bis 1994 tritt Bär an den Wuppertaler Bühnen auf.
Harald Schmidt über die David-Foster-Wallace-Kreuzfahrt
Neulich hat mir Frau Luzia Braun das Buch Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich von David Foster Wallace geschickt mit der lieben Frage, ob man darüber vielleicht mal für aspekte reden könnte. Leider nicht, weil ich doch jetzt darüber schreibe.
Trotzdem vielen Dank für das Buch, ich hätte es mir eh gekauft. David Foster Wallace ist nämlich ein Megageheimtipp der amerikanischen Literaturszene.
Damit sind wir gleich bei einer wallaceschen Spezialität, der Fußnote. Im erwähnten - grandiosen - Buch nehmen die Fußnoten teilweise mehr Platz ein als der Haupttext, überhaupt verschwimmt der Unterschied zwischen Haupttext und Fußnote, und David hätte bestimmt Verständnis dafür, dass ich hier mal per Fußnote darauf hinweise, dass es natürlich nur für einen Hobbyliteraten wie mich ein Geheimtipp ist, für die Cracks längst ein Etablierter, vielleicht ein junger Don DeLillo. Gleich noch eine Zwischenfrage hinterher: Ist DFW ein Status-Autor (wie DeLillo) oder ein Contract-Autor wie Jonathan Franzen? Für alle, die jetzt sagen: "Hä?" - Der Artikel von Franzen in der FAZ (5.11.2002) muss doch noch irgendwo rumliegen. Oder vielleicht das Original im New Yorker? Kurz: Es gibt Autoren, die man kapiert (Contract), und solche, die man abbricht. Zurück zum Haupttext. David Foster Wallace beschreibt im Auftrag eines Hochglanzmagazins eine siebentägige Karibikkreuzfahrt auf einem Luxusdampfer der absoluten Spitzenklasse. Gleich zu Beginn habe ich übrigens den Witz nicht kapiert, warum das Schiff, das eigentlich Zenith heißt, von potenziellen Scherzbolden sofort in Nadirumgetauft werden muss. Ärgerlich, wahrscheinlich eine mythologische Spielerei, und da ist bei mir tiefes Dunkel. David Foster Wallace gelingt jetzt das Kunststück, die Kreuzfahrt bis auf die letzte Schiffsschraube zu demontieren, ohne sich zu denunzieren. Alles ist so, wie im Katalog versprochen: grandios, perfekt, überwältigend. Der Wasserstrahl in der Dusche ist so stark, dass er einen an die Wand nagelt (im Gegensatz zu Wallace daheim), Room-Service so oft man will und 24 Stunden, Raumpflegerin Petra bringt das Zimmer exakt jedes Mal dann in Ordnung, wenn Wallace es für mehr als 30 Minuten verlässt (er macht den Test mit 29 und 31 Minuten), und von Kellner Tibor über einen 13-jährigen Jungen mit Toupet bis zum Captain Video tummelt sich ein Personal an Bord, das man unbeschreiblich nennen könnte. Der ideale Ort, um dieses Buch zu lesen, ist selbstverständlich ein Luxuskreuzfahrtdampfer. Werden sie ihr eigener David Foster Wallace. Schaffen auch Sie es, bis zehn Uhr morgens schon das fünfte Handtuch für den Liegestuhl bekommen zu haben! Überprüfen Sie ihr Hasspotenzial aufs griechische Schiffspersonal! Entdecken sie den kleinen Rassisten in sich, wenn Sie beim Einchecken die Mitreisenden nach dem Aussehen religiös zuordnen! Entdecken sie die ganze Depression des untergegangenen Ostblocks im Gesicht des Kellners, der beim Mexikoabend mit Pflichtsombrero Chili schöpft. Eine Kreuzfahrt dieser Kategorie ist ein fulminantes Erlebnis, mit dem Buch von David Foster Wallace ein Ereignis. Erschienen im marebuchverlag, und - Hinweis von Heinz Besserwiß, ohne das Original zu kennen: glänzend übersetzt von Marcus Irgendany. Literaturwissenschaftlicher Beweis: Das spürt man.
(Quelle: Focus, 11.11.02)
Interview mit David Foster Wallace
Interviews gibt er äußerst selten. Das unten stehende Interview hätte David Foster Wallace am liebsten noch am Vortag abgesagt. Auf den Vorschlag, ihn zu Hause zu treffen, reagiert er abweisend. Unmöglich, seine beiden Hunde seien ausgesprochen bissig. Schließlich traf aspekte-Redakteurin Miriam Böttger den Schriftsteller zum Interview in einem Hotel.
ZDFonline: In Ihren Romanen und Kurzgeschichten geht es oft um eine bestimmte Generation - Ihre eigene. Was ist denn so besonders an dieser Generation?
Wallace: Ich bin jetzt 40 Jahre alt, bin also Anfang der 60er geboren. Das Problem meiner Generation ist, dass wir uns immer noch selbst als Kinder betrachten, als Kinder mit Eltern. Wir wollen einfach nicht erwachsen werden.
ZDFonline: Warum nicht?
Wallace: Ein so genannter Erwachsener zu sein, ist einfach kein Spaß, genau genommen ist es sogar eine ziemliche Enttäuschung. Und unsere Kultur nutzt das aus und bedient genau das in uns, was Kind bleiben möchte, sie fördert alles an dir, was infantil, selbstsüchtig und gierig ist.
ZDFonline: Das klingt, als geschehe das mit System.....
Wallace: Allerdings. Mir geht es um eine typisch amerikanische Idee. Eine Sache, die Kinder in den USA sehr früh lernen: nämlich, dass man selbst das einzige ist, was zählt, dass es nur darum geht, was man selbst will. Das ist die amerikanische Ethik, und man kann sich vorstellen, dass diese Ethik viel dazu beiträgt, dass Konsum- und Unterhaltungsindustrie laufen. Diese Botschaft übt einen großen Reiz auf den Mensch als Individuum aus: «Es gibt kein höheres Gut als das eigene Wohl», das hört jeder gern.
ZDFonline: Wie wird diese Botschaft kommuniziert?
Wallace: Natürlich nehmen dich deine Eltern nicht beiseite und sagen zu dir: «Also, Junge, denke in deinem Leben nur an dich.» Das funktioniert viel subtiler. Aber de facto ist das, was unser System tausendmal am Tag sagt: Kümmere dich nur um dich selbst.
ZDFonline: Was ist denn so schlimm daran?
Wallace: Die amerikanische Gesellschaft und Wirtschaft, die darauf gründen, ihren Bürgern Waren anzudrehen, versagen dann, wenn es darum geht, Kinder zu erziehen, oder den Menschen eine Ahnung von Glück zu geben - wenn dieses Wort überhaupt noch etwas bedeutet.
Das ist doch kein Glück, wenn man jedem seiner Impulse blind folgen und jedes Verlangen befriedigen muss. Für mich ist das eine Art von Sklaverei. Aber niemand nennt es so, statt dessen hört man Schlagworte wie «Freiheit der Wahl» und «Recht auf Konsum.»
(Wallace verzieht das Gesicht zur Grimasse und ist offensichtlich unzufrieden mit seinen Antworten.)
Das Interessante ist doch: Während ich hier sitze und über all diese Dinge rede, schäme ich mich auch irgendwie zu Tode, denn ich klinge wie mein eigener Großvater. Wie ein alter Mann, der moralische Vorträge hält, die keiner hören will. In Amerika macht einen so was leicht zur Witzfigur.
Tatsächlich höre ich in meinem Kopf in diesem Moment eine Stimme, die sich über mich lustig macht. Und genau das ist die paradoxe Situation, in der man als halbwegs intelligenter Amerikaner steckt. Eigentlich weiß man, was gut und richtig ist, aber ständig gibt es da diese Ablenkungen, man sagt sich: Hey, sei doch kein Spielverderber.
ZDFonline: Haben Sie einen Fernseher?
Wallace: Nein, ich habe keinen Fernseher, manchmal sehe ich bei Freunden fern. Aber wenn ich einen eigenen hätte, dann wäre der Tag und Nacht in Betrieb und ich wäre für nichts anderes mehr zu gebrauchen. In dieser Beziehung bin ich kein Stück anders als die meisten Menschen. Ich bin genauso gierig nach allem, was das Auge reizt.
ZDFonline: In Infinite Jest krepieren Menschen vor dem Fernseher an den Folgen der ultimativen Unterhaltung - ist die menschliche Lust auf Unterhaltung für Sie ein Grundübel?
Wallace: Ich wäre nie so dumm zu behaupten, dass Unterhaltung generell schlecht ist. Aber ein Leben, in dem Menschen panische Angst vor Langweile haben und so etwas wie Stille nicht mehr ertragen können, erscheint mir doch ziemlich armselig.
ZDFonline: In den amerikanischen Medien kommen andere als amerikanische Themen und Interessen kaum vor - warum?
Wallace: Das Verhalten der amerikanischen Regierung gegenüber dem «Rest» der Welt ist nicht bloße Arroganz, sondern eine ganz natürliche und konsequente Auswirkung unserer Kultur und ihrer Werte. Amerika ist kein bösartiges Land. Wir hatten es nur für eine lange Zeit materiell sehr komfortabel. Wir hätten Hilfe von außen gebraucht, um zu begreifen, dass es noch etwas anderes gibt als Bequemlichkeit. Ich habe große Angst davor, wie die Menschen reagieren werden, wenn all das einfach wegfällt.
ZDFonline: Amerika ist «ein Land im Krieg», wie macht sich das für Sie bemerkbar?
Wallace: Auf das allgemeine Gefühl der Verunsicherung reagieren die Menschen so: Sie kaufen sich diese modernen, schweren, aufgemotzten Geländewagen, die aussehen wie Panzer, damit fühlt sich der einzelne sicherer, verbraucht aber Unmengen von Benzin - und das in einem Land, wo Benzin immer noch ein Fünftel von dem kostet, was es eigentlich kosten sollte.
Dieselben Leute wählen Politiker, die bereit sind, im Irak Hunderttausende Zivilisten zu töten, nur um sich ein paar Feinde vom Hals zu schaffen. Da wird immer gesagt: «Diese wahnsinnigen Fanatiker, sie gönnen uns unsere Freiheit nicht!» Aber wie dumm muss man sein, um so was zu glauben? Wer hasst schon die Freiheit? Menschen hassen Menschen, nicht die Freiheit.
So viel Angst wie in diesem Moment hatte ich nicht mehr, seit ich ein kleiner Junge war - damals als sich die USA und die Sowjet Union gegenüber standen. Doch heute habe ich mehr Angst vor uns als vor den anderen.
ZDFonline: Kann man sich all dem überhaupt noch entziehen?
Wallace: Natürlich gibt es Möglichkeiten der Rebellion. Man kann bewusst weniger konsumieren und versuchen, seinen Blick auf die Welt eben nicht aus dem Fernseher zu beziehen. Man kann versuchen - so blöd es auch klingt - ein aufmerksamer Bürger seines Landes zu sein. In Amerika ist Rebellion längst ein Klischee, es wird dir als sexy Sache verkauft: verwegene, coole Männer, die für ihr Recht kämpfen...blabla... Aber die Rebellion, die wir jetzt brauchen, ist leider genau das Gegenteil von sexy.
ZDFonline: Ist Ironie für Sie ein Mittel der Kritik oder ein Klischee?
Wallace: In Amerika hat man es in puncto Ironie mit einer seltsamen Situation zu tun, natürlich ist Ironie immer noch eine Reaktion auf politische Ereignisse, doch in den Medien und in der Unterhaltungsindustrie hat Ironie eine eher problematische Funktion: Die Leute benutzen eine ironische Attitüde nur, um vorzugeben, sie seien mit den Zuständen unzufrieden. Aber eigentlich haben sie sich längst mit allem arrangiert. Jemand hat Ironie mal so definiert: Ironie ist das Lied eines Vogels, der seinen Käfig liebt. Der Vogel singt davon, wie sehr er sein Eingesperrtsein hasst, aber tatsächlich fühlt er sich ganz wohl in seinem Käfig . Und so kann Ironie in den USA heutzutage beides sein: ein Weckruf und ein Schlafmittel, das Dich einlullen soll.
(Quelle: ZDF Aspekte, 03.01.03, von Miriam Böttger)




