Über die Autorin
Cornelia Funke wurde 1958 in Dorsten/Westfalen geboren. Sie absolvierte in Hamburg eine Ausbildung zur Diplom-Pädagogin und arbeitete drei Jahre lang als Erzieherin. Parallel dazu studierte sie an der Kunstfachhochschule für Buchillustration. Zunächst arbeitete sie ausschließlich als Illustratorin für Kinderbücher, die sie dazu anregten, selbst Geschichten für junge Leserinnen und Leser zu schreiben. So wurde sie freischaffende Illustratorin und Autorin. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, zum Beispiel den Kinderbuchpreis der Jury der Jungen Leser Wien für "Die Wilden Hühner" und stand mehrfach auf der Kinder- und Jugendbuchliste von Radio Bremen/SR/WDR. Cornelia Funke lebt zur Zeit in Los Angeles.
Über den Sprecher
Rainer Strecker, geboren 1965, absolvierte seine Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Strecker ist bekannt aus Theater, Film und Fernsehen. Er spielte in TV-Produktionen wie "Bella Block", "Sperling", und dem "Tatort". Rainer Strecker lebt in Berlin.
Eine Welt voll Zauber und Gefahren: Cornelia Funkes "Tintenblut"Eigentlich könnte alles so friedlich sein. Doch der Zauber von "Tintenherz" lässt Meggie nicht los. Und eines Tages ist es so weit: Gemeinsam mit Farid geht Meggie in die Tintenwelt, denn sie will den Weglosen Wald sehen, den Speckfürsten, den Schönen Cosimo, den Schwarzen Prinzen und seine Bären. Sie möchte die Feen treffen und natürlich Fenoglio, der sie später zurückschreiben soll. Vor allem aber will sie Staubfinger warnen, denn auch der grausame Basta ist nicht weit …
Die Fortsetzung des internationalen Bestsellers "Tintenherz".
Leseprobe:
Mo wusste sofort, dass Meggie fort war. Er wusste es in dem Moment, in dem er an ihre Tür klopfte und ihm nichts als Stille antwortete. Resa deckte unten in der Küche mit Elinor den Frühstückstisch. Das Klirren der Teller drang bis zu ihm herauf, aber er hörte es kaum, er stand nur da, vor der verschlossenen Tür, und lauschte seinem eigenen Herzen. Viel zu laut schlug es, viel zu schnell. »Meggie?« Er drückte die Klinke herunter, aber die Tür war verschlossen. Meggie schloss nie ab, niemals.
Sein Herz schlug, als wollte es ihn ersticken. Die Stille hinter der Tür klang schrecklich vertraut. Genauso hatte sie sich ihm schon einmal auf die Ohren gelegt, damals, als er Resas Namen gerufen hatte, wieder und wieder. Zehn Jahre hatte er auf Antwort warten müssen.
Nicht wieder. Gott, bitte, nicht wieder. Nicht Meggie.
Es schien, als hörte er das Buch hinter der Tür flüstern, Fenoglios verfluchte Geschichte. Er glaubte die Seiten rascheln zu hören, gefräßig wie bleiche Zähne.
»Mortimer?« Elinor stand hinter ihm. »Die Eier werden kalt. Wo bleibt ihr? Himmel!« Sie sah ihm besorgt ins Gesicht, griff nach seiner Hand. »Was ist los mit dir? Du bist ja blass wie der Tod.«
»Hast du einen Ersatzschlüssel für Meggies Tür, Elinor?«
Sie begriff sofort. Ja, sie erriet ebenso wie er, was hinter der verschlossenen Tür passiert war, vermutlich in der letzten Nacht, während sie alle geschlafen hatten. Sie drückte seine Hand. Dann drehte sie sich wortlos um und hastete die Treppe hinunter. Mo aber lehnte sich gegen die verschlossene Tür, hörte, wie Elinor nach Darius rief, wie sie fluchend nach dem Schlüssel suchte, und starrte die Bücher an, die sich in Elinors Regalen reihten, den ganzen langen Flur hinunter. Resa kam die Treppe heraufgehastet, mit blassem Gesicht. Sie fragte ihn, was passiert war, ihre Hände flatterten dabei wie aufgescheuchte Vögel. Aber was sollte er antworten? Kannst du dir das nicht denken? Hast du ihr nicht oft genug davon erzählt?
Noch einmal drückte er die Klinke herunter, als könnte das irgendetwas ändern. Meggie hatte das ganze Türblatt mit Zitaten bedeckt. Wie Zauberformeln erschienen sie ihm nun, mit kindlicher Hand auf den weißen Lack geschrieben. Bringt mich in eine andere Welt! Nun macht schon! Ich weiß, ihr könnt es. Mein Vater hat mir vorgemacht, wie. Seltsam, dass einem das Herz nicht einfach stehen blieb, wenn es so wehtat. Doch auch vor zehn Jahren war es nicht stehen geblieben, damals, als die Buchstaben Resa verschlungen hatten.
Elinor zog ihn zur Seite, sie hielt den Schlüssel in den zitternden Fingern, schob ihn ungeduldig ins Schloss. Ärgerlich rief sie Meggies Namen – als wüsste sie nicht auch längst, dass nur eines hinter der Tür wartete: Stille, wie in jener Nacht, die Mortimer die Angst vor seiner eigenen Stimme gelehrt hatte.
Er betrat das leere Zimmer als Letzter, zögernd. Auf Meggies Kissen lag ein Brief. Liebster Mo ... Er las nicht weiter, wollte nichts wissen von den Worten, die ihm nur das Herz zerbeißen würden. Während Resa nach dem Brief griff, sah er sich um – suchte mit den Augen nach einem anderen Blatt, dem Blatt, das der Junge mitgebracht hatte, aber es war nirgends zu entdecken. Natürlich nicht, du Dummkopf!, sagte er sich. Sie hat das Blatt mitgenommen, schließlich muss sie es in der Hand gehalten haben, als sie las. Erst Jahre später erfuhr er von Meggie, dass Orpheus’ Blatt sehr wohl noch in ihrem Zimmer gewesen war, in einem Buch, wo sonst? Ihrem Erdkundebuch. Was, wenn er es gefunden hätte? Hätte er Meggie folgen können? Nein, vermutlich nicht. Für ihn hatte die Geschichte einen anderen Weg vorgesehen, einen dunkleren, schwereren Weg.
»Vielleicht ist sie ja auch nur mit dem Jungen fort! Mädchen in ihrem Alter machen so etwas. Nicht dass ich davon etwas verstehe, aber ...« Elinors Stimme klang wie von ferne zu ihm. Resa reichte ihr zur Antwort nur den Brief, der auf dem Kissen gewartet hatte.
Fort. Meggie war fort.
Er hatte keine Tochter mehr.
Würde sie wiederkommen, so wie ihre Mutter? Von irgendeiner Stimme wieder herausgefischt aus dem Meer der Worte? Und wann? Nach zehn Jahren, so wie Resa? Dann würde sie erwachsen sein, und er würde sie vielleicht nicht einmal erkennen. Alles verschwamm ihm vor den Augen, Meggies Schulsachen auf dem Tisch vorm Fenster, ihre Kleider, sorgsam über die Stuhllehne gehängt, als hätte sie tatsächlich vor, zurückzukehren, ihre Stofftiere gleich neben dem Bett, auch wenn sie Meggie schon seit langem nicht mehr beim Einschlafen helfen mussten, die pelzigen Gesichter kahl geküsst. Resa begann zu weinen, lautlos, die Hand vor den stummen Mund gepresst. Mo wollte sie trösten, aber wie, bei all der Verzweiflung in seinem Herzen?
Er drehte sich um, schob Darius zur Seite, der mit traurigem Eulenblick in der offenen Tür stand – und ging hinüber in sein Büro, wo die verfluchten Notizbücher sich immer noch zwischen seinen Belegen stapelten. Er stieß sie vom Tisch, eins nach dem anderen, als könnte er so die Worte zum Verstummen bringen, all die verfluchten Worte, die sein Kind verhext hatten, fortgelockt wie der Rattenfänger im Märchen, an einen Ort, an den er schon Resa nicht hatte folgen können. Mo war es, als träumte er erneut denselben schlimmen Traum, nur dass er diesmal nicht einmal das Buch hatte, auf dessen Seiten er nach Meggie hätte suchen können.
Wenn er sich später fragte, wie er den Rest dieses Tages überstanden hatte, ohne verrückt zu werden – er wusste es nicht mehr. Er erinnerte sich nur daran, dass er Stunden durch Elinors Garten geirrt war, als könnte er Meggie dort finden, irgendwo unter einem der alten Bäume, unter denen sie so gern gelesen hatte. Als die Dunkelheit kam und er sich auf die Suche nach Resa machte, fand er sie in Meggies Zimmer. Sie saß auf dem leeren Bett und starrte zu den drei winzigen Geschöpfen hinauf, die unter der Decke kreisten, als suchten sie dort nach der Tür, durch die sie gekommen waren. Meggie hatte das Fenster offen stehen lassen, aber sie flogen nicht hinaus, vielleicht, weil die fremde schwarze Nacht ihnen Angst machte. »Feuerelfen«, sagten Resas Hände, als er sich zu ihr setzte. »Du musst sie fortscheuchen, wenn sie sich auf deine Haut setzen, sonst verbrennen sie dich.«
Feuerelfen. Mo erinnerte sich, von ihnen gelesen zu haben. In dem Buch. Es schien nur noch das eine Buch auf der Welt zu geben.
»Warum sind es drei?«, fragte er. »Eine für Meggie, eine für den Jungen ...«
»Ich glaube, der Marder ist auch fort«, sagten Resas Hände.
Mo hätte fast aufgelacht. Armer Staubfinger, offenbar konnte er das Unglück nicht abschütteln. Aber Mo konnte kein Mitleid für ihn empfinden. Diesmal nicht. Ohne Staubfinger hätte es die Worte auf dem Blatt Papier nicht gegeben, und ohne sie hätte er noch eine Tochter.
»Denkst du, es gefällt ihr wenigstens dort?«, fragte er und legte den Kopf in Resas Schoß. »Dir hat es schließlich auch gefallen, oder? Zumindest hast du ihr das immer wieder erzählt.«
»Es tut mir Leid«, sagten ihre Hände. »So Leid.«
Aber er hielt ihre Finger fest. »Was redest du da?«, sagte er leise. »Ich habe das verdammte Buch ins Haus gebracht, hast du das schon vergessen?«
Und dann schwiegen sie beide. Sahen den armen, verlorenen Elfen zu und schwiegen. Irgendwann flogen sie doch nach draußen, hinaus in die fremde Nacht. Als ihre winzigen roten Körper in all dem Schwarz verschwanden wie verglühende Funken, fragte Mo sich, ob Meggie wohl gerade durch eine ebenso schwarze Nacht irrte. Der Gedanke verfolgte ihn in dunkle Träume.
Ungebetene Besucher
»Ihr Leute mit Herz«, bemerkte er einmal, »besitzt etwas, was euch leitet, und deshalb braucht ihr nichts Böses zu tun. Ich lebe ohne Herz (...), daher muß ich sehr sorgsam sein.«
L. Frank Baum, Der Zauberer von Oz
Mit dem Tag, an dem Meggie verschwand, zog in Elinors Haus wieder die Stille ein, aber sie schmeckte anders als in den Tagen, in denen Bücher Elinors einzige Mitbewohner gewesen waren. Die Stille, die nun die Flure und Zimmer erfüllte, schmeckte nach Traurigkeit. Resa weinte viel und Mortimer schwieg, als hätten Papier und Tinte nicht nur seine Tochter, sondern mit ihr auch alle Wörter in der Welt verschlungen. Er war viel in seiner Werkstatt, aß wenig, schlief kaum – und am dritten Tag kam Darius besorgt zu Elinor, um ihr zu berichten, dass er sein Werkzeug einpackte.
Als Elinor in die Werkstatt kam, außer Atem, weil Darius sie allzu eilig hinter sich hergezerrt hatte, warf Mortimer gerade achtlos die Goldstempel in eine Kiste, die er sonst mit solcher Behutsamkeit in die Hand nahm, als wären sie aus Glas.
»Was zum Teufel tust du da?«, stellte Elinor ihn zur Rede.
»Nun, was wohl?«, fragte er zurück und begann, seine Heftlade fortzuräumen. »Ich werde mir einen anderen Beruf suchen. Ich fasse kein Buch mehr an, verflucht sollen sie sein. Sollen andere sich von ihnen Geschichten erzählen lassen und ihnen die Kleider flicken. Ich will nichts mehr von ihnen wissen.«
Als Elinor Resa zu Hilfe holen wollte, schüttelte die nur den Kopf.
»Nun gut, es ist verständlich, dass die beiden zu nichts zu gebrauchen sind!«, stellte Elinor fest, als sie sich mit Darius ein weiteres einsames Frühstück teilte. »Wie konnte Meggie ihnen das auch nur antun? Was hatte sie vor – ihren armen Eltern das Herz zu brechen? Oder wollte sie für alle Zeit beweisen, dass Bücher eine gefährliche Sache sind?«
Darius schwieg zur Antwort, so wie er es all die vergangenen traurigen Tage getan hatte.
»Um Himmels willen, alle schweigen, schweigen wie die Fische!«, fuhr Elinor ihn an. »Wir müssen etwas tun, um das dumme Ding zurückzuholen! Irgendetwas. Gott, das kann doch nicht so schwer sein. Schließlich wohnen unter diesem Dach gleich zwei Zauberzungen!«
Darius sah sie erschrocken an und verschluckte sich an seinem Tee. Er hatte seine Gabe seit so langer Zeit nicht mehr benutzt, dass sie ihm vermutlich wie ein böser Traum vorkam, an den er nicht erinnert werden wollte. »Schon gut, schon gut, du musst ja nicht lesen«, beruhigte Elinor ihn unwirsch. Gott, dieser verschreckte Eulenblick. Sie hätte ihn schütteln können. »Mortimer kann es tun! Aber was soll er lesen? Denk nach, Darius! Muss es etwas über die Tintenwelt sein oder über unsere Welt, wenn wir sie zurückholen wollen? Ach, ich bin ganz durcheinander. Vielleicht können wir etwas schreiben, etwas so in der Art wie: Es lebte einmal eine griesgrämige, mittelalte Frau namens Elinor, die nur ihre Bücher liebte, bis eines Tages ihre Nichte mit ihrem Mann und ihrer Tochter bei ihr einzog. Elinor gefiel das, aber eines Tages brach die Tochter auf zu einer sehr, sehr dummen Reise, und Elinor schwor, dass sie all ihre Bücher hergeben würde, wenn nur das Kind zurückkäme. Sie packte sie alle in große Kisten, und als sie das letzte hineinlegte, da spazierte Meggie wieder ...
»Herrgott, guck nicht so mitleidig drein!«, fuhr sie Darius an. »Ich versuch es wenigstens! Und du sagst es doch selbst immer wieder: Mortimer ist ein Meister, er braucht nur ein paar Sätze!«
Darius rückte sich die Brille zurecht. »Ja, nur ein paar Sätze«, sagte er mit seiner sanften, unsicheren Stimme. »Aber es müssen Sätze sein, in denen eine ganze Welt beschrieben ist, Elinor. Es muss Musik aus den Wörtern kommen. Sie müssen verwoben sein miteinander, so dicht, dass die Stimme nicht hindurchfällt.«
»Ach was!«, erwiderte Elinor barsch – obwohl sie genau wusste, dass er Recht hatte. Mortimer hatte es ihr einmal fast auf dieselbe Weise zu erklären versucht: das große Rätsel, warum nicht jede Geschichte zum Leben erwachte. Aber sie wollte das nicht hören, nicht jetzt. Verflucht seist du, Elinor!, dachte sie. Dreimal verflucht für all die Abende, die du damit verbracht hast, dir mit dem dummen Kind auszumalen, wie es wohl wäre, in jener anderen Welt zu leben, zwischen Feen, Kobolden und Glasmännern. Es waren viele Abende gewesen, so viele, und wie oft hatte sie Mortimer verspottet, wenn er verärgert den Kopf durch die Tür gesteckt und gefragt hatte, ob sie sich nicht ausnahmsweise mal über etwas anderes unterhalten könnten als über weglose Wälder und blauhäutige Feen.
Nun, wenigstens weiß Meggie alles, was sie wissen muss über diese Welt, dachte Elinor, während sie sich die Tränen von den Wimpern wischte. Sie weiß, dass sie sich vor dem Natternkopf und seinen Gepanzerten in Acht nehmen muss, dass sie nicht zu weit in den Wald gehen darf, weil sie sonst vermutlich gefressen, zerrissen oder zertreten wird. Und dass sie besser nicht hochsieht, wenn sie an einem Galgen vorbeikommt. Sie weiß, dass sie sich verbeugen muss, wenn ein Fürst vorbeireitet, und ihr Haar noch offen tragen darf, weil sie ja nur ein Mädchen ist ...Verdammt, da waren die Tränen schon wieder! Elinor wischte sie sich mit einem Zipfel ihrer Bluse aus den Augenwinkeln, als es an der Haustür klingelte.
Noch viele Jahre später beschimpfte sie sich für die Dummheit, die sie nicht einmal durch den Spion hatte blicken lassen, bevor sie öffnete. Natürlich hatte sie angenommen, Resa oder Mortimer stünden vor der Tür. Natürlich. Dumme Elinor. Dumme, ach so dumme Elinor. Sie bemerkte ihren Irrtum erst, als sie die Tür geöffnet hatte und der Fremde vor ihr stand.
Er war nicht sehr groß und etwas zu wohlgenährt, mit blasser Haut und ebenso blassem blondem Haar. Die Augen hinter der randlosen Brille blickten leicht erstaunt, fast unschuldig wie die eines Kindes. Er öffnete den Mund, als Elinor den Kopf aus der Tür steckte, aber sie schnitt ihm das Wort ab.
»Wie kommen Sie denn hier rein?«, blaffte sie ihn an. »Das ist Privatbesitz. Haben Sie das Schild unten an der Straße nicht gesehen?«
Er war mit einem Auto da. Unverschämter Tölpel, war einfach ihre Auffahrt heraufgefahren. Elinor sah seinen Wagen neben ihrem Kombi stehen, ein staubiges, dunkelblaues Ding. Auf dem Beifahrersitz glaubte sie einen riesigen Hund zu entdecken. Auch das noch.
»O doch, natürlich!« Das Lächeln des Fremden war so unschuldig, dass es gut in sein Kindergesicht passte. »Das Schild war weiß Gott unübersehbar, und ich entschuldige mich vielmals, Frau Loredan, für mein plötzliches und unangemeldetes Eindringen.«
Himmel, es verschlug Elinor die Sprache. Das Mondgesicht hatte eine fast ebenso schöne Stimme wie Mortimer, tief und samtig wie ein Kissen. Sie passte so wenig zu dem runden Gesicht und den Kinderaugen, dass man fast glaubte, der Fremde habe den eigentlichen Besitzer verschluckt und sich die Stimme auf diese Weise angeeignet.
»Ihre Entschuldigungen können Sie sich sparen!«, sagte Elinor barsch, nachdem sie ihre Überraschung verwunden hatte. »Verschwinden Sie einfach.« Und damit wollte sie die Tür wieder zuschlagen, doch der Fremde lächelte nur erneut (ein Lächeln, das schon nicht mehr ganz so unschuldig wirkte) und schob seinen Schuh zwischen die Tür. Einen braunen, staubigen Schuh.
»Entschuldigen Sie, Frau Loredan«, sagte er mit sanfter Stimme. »Aber ich bin wegen eines Buches hier. Eines wahrhaft einzigartigen Buches. Natürlich habe ich gehört, dass Sie über eine bemerkenswerte Bibliothek verfügen, aber ich versichere Ihnen, dieses Exemplar fehlt noch in Ihrer Sammlung.«
Elinor erkannte das Buch auf der Stelle, das er aus der hellen, zerknitterten Leinenjacke zog. Natürlich. Es war das einzige Buch, bei dessen Anblick ihr das Herz nicht seines Inhalts wegen schneller schlug oder weil es besonders schön oder wertvoll war. Nein. Dieses Buch ließ Elinors Herz nur aus einem Grund schneller schlagen: weil sie es fürchtete wie ein bissiges Tier.
»Wo haben Sie das her?« Sie gab sich die Antwort selbst, nur leider etwas zu spät. Plötzlich, ganz plötzlich kam die Erinnerung zurück an die Geschichte, die der Junge erzählt hatte. »Orpheus!«, flüsterte sie – und wollte losschreien, so laut, dass Mortimer es drüben in der Werkstatt hörte, aber bevor auch nur ein Laut über ihre Lippen kommen konnte, glitt geschwind wie eine Eidechse ein Mann hinter den Rhododendronbüschen neben der Haustür hervor und presste ihr die Hand auf den Mund.
»Na, Bücherfresserin?«, schnurrte er ihr ins Ohr. Wie oft hatte Elinor diese Stimme in ihren Träumen gehört und jedes Mal nach Atem gerungen! Auch am helllichten Tag war die Wirkung nicht weniger schlimm. Basta stieß sie unsanft ins Haus zurück. Natürlich hatte er ein Messer in der Hand. Elinor konnte sich Basta eher ohne Nase als ohne Messer vorstellen. Orpheus drehte sich um und winkte zu dem fremden Wagen hinüber. Ein Schrank von einem Mann stieg aus, ging gemächlich um den Wagen herum und öffnete die Hintertür. Eine alte Frau schob die Beine heraus und griff nach seinem Arm.
Mortola.
Ein weiterer regelmäßiger Gast in Elinors Alpträumen. Die Beine der Alten waren dick bandagiert unter den dunklen Strümpfen, und sie stützte sich auf einen Stock, während sie am Arm des Schrankmanns auf Elinors Haus zuschritt. Sie humpelte mit so grimmig entschlossener Miene in die Eingangshalle, als nähme sie das ganze Haus in Besitz, und der Blick, den sie Elinor zuwarf, war so unverhohlen feindselig, dass ihr die Knie weich wurden, auch wenn sie sich alle Mühe gab, ihre Angst zu verbergen. Tausend abscheuliche Erinnerungen stiegen in ihr hoch – Erinnerungen an einen Käfig, der nach rohem Fleisch roch, an einen Platz, erleuchtet von grellem Scheinwerferlicht, und Angst, entsetzliche Angst ...
Basta schlug die Haustür hinter Mortola zu. Er hatte sich nicht verändert: dasselbe schmale Gesicht, die Augen kniff er immer noch gern zusammen, und um seinen Hals baumelte natürlich ein Amulett, Schutz gegen das Unglück, das Basta unter jeder Leiter und hinter jedem Busch witterte.
»Wo sind die anderen?«, fuhr Mortola Elinor an, während der Schrankmann sich mit dümmlicher Miene umsah. Der Anblick so vieler Bücher schien ihn maßlos zu verwundern. Vermutlich fragte er sich, was um Himmels willen mit einer solchen Menge anzufangen war.
»Die anderen? Ich weiß nicht, von wem Sie reden.« Elinor fand, dass ihre Stimme erstaunlich fest klang für eine Frau, die halb tot vor Angst war.
Mortola schob angriffslustig das kleine, runde Kinn vor. »Das weißt du sehr wohl. Ich rede von Zauberzunge und seiner Hexentochter und von der Magd, die er seine Frau nennt. Soll ich Basta ein paar von deinen Büchern anstecken lassen oder rufst du die drei freiwillig für uns?«
Basta? Basta hat Angst vor Feuer!, wollte Elinor erwidern, aber sie ließ es lieber. Es war nicht schwer, ein Streichholz an ein Buch zu halten. Selbst Basta, der das Feuer so sehr fürchtete, würde diese Kleinigkeit wohl zustande bringen, und der Schrankmann sah nicht so aus, als wäre er klug genug, sich vor irgendetwas zu fürchten. Ich muss sie einfach hinhalten!, dachte Elinor. Schließlich wissen sie ebenso wenig etwas von der Werkstatt im Garten wie von Darius.
»Elinor?«, hörte sie Darius im selben Augenblick rufen. Bevor sie antworten konnte, hatte sie erneut Bastas Hand auf dem Mund. Sie hörte, wie Darius den Flur herunterkam, in seinem immer eiligen Schritt. »Elinor?«, rief er noch einmal. Dann verstummten die Schritte ebenso abrupt wie seine Stimme.
»Überraschung!«, schnurrte Basta. »Freust du dich, Stolperzunge? Ein paar alte Freunde sind hier, um dir einen Besuch abzustatten.« Bastas linke Hand war bandagiert. Es fiel Elinor erst auf, als er die Finger von ihrem Mund nahm, und sie erinnerte sich an das fauchende Etwas, das nach Farids Bericht für Staubfinger aus der Geschichte gekommen war. Wie schade, dass es nicht mehr von unserem Messerfreund gefressen hat!, dachte sie.
»Basta!« Darius’ Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
»Ja, Basta! Ich wäre schon viel eher gekommen, glaub mir, aber sie haben mich für eine Weile ins Gefängnis gesteckt, wegen einer Sache, die Jahre zurücklag. Kaum war Capricorn fort, da wurden sie alle mutig, all die, die vorher aus Angst den Mund nicht aufbekommen hatten. Was soll’s? Letztlich haben sie mir einen Gefallen getan, denn wen haben sie eines Tages zu mir in die Zelle geschoben? Seinen richtigen Namen hab ich nie aus ihm herauslocken können, also nennen wir ihn so, wie er sich selbst getauft hat: Orpheus!« Er schlug dem Angeredeten so heftig auf den Rücken, dass er nach vorn stolperte. »Ja, der gute Orpheus!« Basta legte ihm den Arm um die Schultern. »Der Teufel meinte es wirklich gut, als er gerade ihn zu meinem Zellengenossen machte – oder sehnt sich unsere Geschichte vielleicht so sehr nach uns, dass sie ihn schickte? Wie auch immer, wir hatten eine gute Zeit, oder?«
Orpheus sah ihn nicht an. Er zupfte sich verlegen die Jacke zurecht und musterte Elinors Bücherregale.
»Teufel, seht ihn euch an!« Basta stieß ihm grob den Ellbogen in die Seite. »Wie oft hab ich ihm schon erklärt, dass man sich fürs Gefängnis nicht schämen muss, vor allem, wenn es dort so viel bequemer ist als in den Kerkern, die man bei uns zu Hause hat. Los, erzähl ihnen, wie ich von deinen unschätzbaren Gaben erfuhr. Erzähl ihnen, wie ich dich nachts erwischt habe, als du dir diesen dummen Hund aus dem Buch gelesen hast! Einen Hund liest er sich heraus! Mir würde da weiß der Teufel was Besseres einfallen.«
Basta lachte hämisch – und Orpheus rückte sich mit fahrigen Fingern die Krawatte zurecht. »Cerberus ist immer noch im Auto«, sagte er zu Mortola. »Er mag das gar nicht. Wir sollten ihn endlich hereinholen!«
Der Schrankmann wandte sich zur Tür, offenbar hatte er, was Tiere betraf, ein weiches Herz, aber Mortola winkte ihn ungeduldig zurück.
»Der Hund bleibt, wo er ist. Ich kann das Vieh nicht ausstehen!« Mit gerunzelter Stirn sah sie sich in Elinors Eingangshalle um. »Wirklich, ich habe mir dein Haus größer vorgestellt«, stellte sie mit gespielter Enttäuschung fest. »Ich dachte, du seist reich.«
»Das ist sie auch!« Basta schlang Orpheus den Arm so unsanft um den Nacken, dass ihm die Brille verrutschte. »Aber sie gibt alles für Bücher aus. Was würde sie uns wohl für das Buch bezahlen, das wir Staubfinger abgenommen haben? Was denkst du?« Er kniff Orpheus in die runden Backen. »Ja, unser Freund hier war ein netter feister Köder für den Feuerfresser. Er sieht aus wie ein Ochsenfrosch, aber nicht mal Zauberzunge gehorchen die Buchstaben besser als ihm, von Darius ganz zu schweigen. Fragt Staubfinger! Orpheus hat ihn nach Hause geschickt, als gäbe es nichts Leichteres auf der Welt! Nicht, dass der Feuerfresser –«
»Halt den Mund, Basta!«, unterbrach Mortola ihn barsch. »Du hast dich schon immer allzu gern reden hören. Also!« Ungeduldig stieß sie den Stock auf die Marmorfliesen, auf die Elinor so stolz war. »Wo sind sie? Wo sind die anderen? Ich frage nicht noch mal!«
Na los, Frau Loredan!, dachte Elinor. Lügen Sie! Schnell! Aber sie hatte noch nicht einmal den Mund geöffnet, als sie den Schlüssel im Schloss hörte. Nein! Nein, Mortimer!, flehte sie stumm. Bleib, wo du bist! Geh mit Resa zurück in die Werkstatt! Schließt euch dort ein, aber bitte, bitte, kommt nicht gerade jetzt!
Natürlich nützte ihr Flehen nicht das Geringste. Mortimer schloss die Tür auf, trat herein, den Arm um Resas Schulter – und blieb abrupt stehen, als er Orpheus sah. Ehe er ganz begriff, was vorging, hatte der Schrankmann auf einen Wink von Mortola schon die Tür hinter ihm zugeschlagen.
»Hallo, Zauberzunge!«, sagte Basta mit bedrohlich sanfter Stimme, während er sein Messer vor Mortimers Gesicht aufschnappen ließ. »Und ist das nicht unsere schöne stumme Resa? Na, bestens. Gleich zwei auf einen Schlag. Fehlt nur noch die kleine Hexe.«
Elinor sah, wie Mortimer für einen Augenblick die Augen schloss, als hoffte er, Basta und Mortola würden verschwunden sein, wenn er sie wieder öffnete. Aber natürlich war dem nicht so.
»Ruf sie!«, befahl Mortola, während ihre Augen Mo so hasserfüllt musterten, dass Elinor Angst bekam.
»Wen?«, fragte er zurück, ohne Basta aus den Augen zu lassen.
»Stell dich nicht dümmer, als du bist!«, fuhr Mortola ihn an. »Oder willst du, dass ich Basta erlaube, deiner Frau dasselbe Muster ins Gesicht zu schneiden, mit dem er den Feuerspucker verziert hat?«
Basta strich seinem Messer zärtlich mit dem Daumen über die glänzende Klinge.
»Falls du mit der Hexe meine Tochter meinst«, antwortete Mortimer mit belegter Stimme, »die ist nicht hier.«
»Ach ja?« Mortola humpelte auf ihn zu. »Sei vorsichtig. Meine Beine schmerzen von der endlosen Fahrerei hierher, das macht mich nicht sonderlich geduldig.«
»Sie ist nicht hier!«, wiederholte Mortimer. »Meggie ist fort, mit dem Jungen, dem ihr das Buch weggenommen habt. Er hat sie gebeten, ihn zu Staubfinger zu bringen, das hat sie getan – und ist mit ihm gegangen.«
Mortola kniff ungläubig die Augen zusammen. »Unsinn!«, stieß sie hervor. »Wie soll sie das ohne das Buch angestellt haben?« Doch Elinor sah den Zweifel auf ihrem Gesicht.
Mortimer zuckte die Schultern. »Der Junge hatte ein handbeschriebenes Blatt Papier dabei, das Blatt, das angeblich Staubfinger hinübergebracht hat.«
»Aber das ist unmöglich!« Orpheus sah ihn entgeistert an. »Behaupten Sie allen Ernstes, Ihre Tochter hätte sich selbst in die Geschichte gelesen, mit meinen Worten?«
»Ach, dann sind Sie dieser Orpheus?« Der Blick, mit dem Mortimer ihn musterte, war wenig freundlich. »Ihnen habe ich es also zu verdanken, dass ich keine Tochter mehr habe.«
Orpheus rückte sich die Brille zurecht und erwiderte seinen Blick mit derselben Feindseligkeit. Dann drehte er sich abrupt zu Mortola um. »Ist das dieser Zauberzunge?«, fragte er. »Er lügt! Ich bin ganz sicher! Er lügt! Niemand kann sich selbst in eine Geschichte hineinlesen. Weder er noch seine Tochter noch sonst irgendwer. Ich habe es selbst Hunderte von Malen versucht. Es geht nicht!«
»Ja«, sagte Mortimer mit müder Stimme. »Genau das habe ich bis vor vier Tagen auch geglaubt.«
Mortola starrte ihn an. Dann gab sie Basta ein Zeichen. »Sperr sie alle in den Keller!«, befahl sie. »Und dann sucht das Mädchen. Durchsucht das ganze Haus.«
(Quelle: Website Cecilie Dressler Verlag)




